Story des Monats

März - April 2013


Kapitel 19 einer (möglichst) langen Serie .....
Axel Melhardt
Axel Melhardt plaudert:

Kürzlich schnappte ich im JAZZLAND eine Bemerkung auf, die mir fast den Verstand raubte – "Meine Plattensammlung werde ich demnächst verscherbeln – es gibt ja jetzt alles im Internet zum Runterladen....."
Und da mußte ich natürlich an John Evers denken, dessen Buch "Glück in Scheiben - Ein Buch für Schallplattensammler" (München, Langen-Müller 1989 ISBN 3784422845) eine Liebeserklärung an die Musik in allen Tonarten und Schattierung ist..... So widme ich diese Zeilen dem John, der vielleicht heute ähnliche Überlegungen hätte.....
Denn es geht diesmal um....

 
Tonträger
 

.....und das ist ein entsetzliches Wort. Ton ist ein hartes Material, ziemlich schwer und wer will das schon herumtragen....

Nein, OSCAR KLEIN (und von ihm hörte ich das Wort zum ersten Male) meinte natürlich nicht das Material sondern eigentlich Klangträger, denn damals versuchte er sowohl LPs, als auch CDs und Kassetten an seine Fans zu verhökern, was ihm auch meist in erfreulichem Umfang gelang.

Meine erste Begegnung mit gespeicherter Musik (auch eine entsetzliche Umschreibung) geschah nach dem Besuch der "Benny Goodman Story" – siehe Story des Monats Mai - Juni 2002 im Archiv – und als ich dann im "Hot Club de Vienne" in der Neulinggasse anno 1956 n. Chr. auf die ersten Plattensammler stieß, kam mir zu Bewußtsein, daß es Jazz nicht nur auf der soeben bei "Gebrüder Placht" erstandenen LP sondern auch auf 78-ern gab (die 78-er sind keine älteren Verwandten von den 68-ern, sondern Scheiben, die sich 78-mal pro Minute um den mittleren Stöpsel drehen, was die LPs nur 33 1/3 mal machen – das Zwischending sind die 45er..... ). Diese komplizierte Erklärung gilt für die junge Generation, die Musik nur auf MP3 (oder wie das heißt) kennt...... (*)

Ich habe damals jedenfalls den ersten weisen Entschluß meines Lebens gefaßt – ich konzentrierte mich auf die LPs und ignorierte die herrlichen und viel zahlreicheren 78-er, denn (so nahm ich richtigerweise an) all dieses Musikmaterial würde im Laufe der Jahre auf LPs erscheinen – womit ich recht haben sollte. Bis heute habe ich so an die 15.000 LPs, einige hundert 45-er und nicht eine einzige 78-er in meinem Archiv.

Und dann kam die CD.

Meine erste Reaktion war die eisige Ablehnung – wos brauch' I des Teufelszeug.....?

Und dann kamen die ersten Kleinscheiben mit Raritäten, die ich nicht hatte. Und dann kamen die grandiosen Sammlungen von King Oliver komplett und Jimmy Noone komplett und Charlie Parker komplett und so weiter und meine Ablehnung taute langsam auf.

Der absolute Durchbruch ereignete sich mit der Lieblings-LP des alten Melhardt: "Jazz at the New School" - möglicherweise das einzige Konzert der Jazzgeschichte, wo ein Quintett bestehend aus vier Musikern spielte (Wild Bill Davison, Kenny Davern, Dick Wellstood und Gene Krupa, wobei der anwesende Eddie Condon nur bei Ansagen sehr erfrischt zu hören ist.....). Plötzlich gab es zu den bekannten acht Titeln noch zwei weitere und mehr als launige Zwischen-, Anfangs- und Schlußbemerkungen von den Musikern und Mister Condon.

Da mußte natürlich die CD her und der Bann war gebrochen.

"Die Sammlung umstellen," meinten gutmeinende Freunde, "ist kein Problem – du verkaufst Deine alten Vinyl-Scheiben und die CDs finanzieren sich von selbst."

Vor allen Dingen dank meiner Tilly kam es aber nicht dazu – selbst wenn ich im hintersten Winkel mit diesem Gedanken gespielt hätte, wäre ich familiär in echte Troubles gekommen – bis heute greift meine wesentlich bessere Hälfte nur mit Anstrengung und Widerwillen eine CD an, und die Tatsache, daß ich dem Martin Mayer einige doppelte Sidney-Bechet-Blue-Note überlassen habe, hängt noch immer wie ein Menetekel über unserem Ehefrieden.....

So fristen heute LPs und CDs bei mir einen Burgfrieden und ich kann (gemeinsam mit dem größten Plattensammler Österreichs Michael Arié) nur milde lächelnd diejenigen Kollegen bedauern, die ihre LPs abgestoßen haben und es jetzt bitter bereuen.

Der Unterschied zwischen den beiden Formen der Platte ist gering – mit guten Augen kann man fast jede CD entziffern und wo sich die Musik besser durch die Jahrhunderte erhalten wird, würde ich gerne meinen Ur-Ur-Ur-Enkel befragen, aber das geht aus zeitlogistischen Gründen nur schwer.

Und ob das neue Medium – die MP3 – resistenter ist, weiß auch noch niemand.

Nur – ich kann bei einer Computer-Musik keinen Cover studieren und in keinem CD-Heftchen blättern. Wenn ich mir vorstelle, welchen absoluten Hochgenuß es bedeutet, etwa ein MOSAIC-Album in den Händen zu halten und sich visuell und akustisch von hochinteressanten Bildern und perfekt aufbereiteter Musik aus der Jazz-Vergangenheit zu berauschen, so kann ich mir nicht vorstellen, daß mir diese Freude ein simpler MP3-Icon am Bildschirm ersetzen kann.

Aber man kann sich täuschen – bin ich nicht derjenige, der dereinst gesagt hat: mir kommt keine CD ins Haus........?

(*) Daß diese Erklärung notwendig ist, bewies mir eine sehr liebe, junge ORF-Mitarbeiterin, die von mir ein Lied wissen wollte, welches mich über alle Massen begeistert hat – ich erzählte ihr von einer Plattensession 1956 im "Hot Club" und "On the Sunny Side of the Street" mit Hodges & Hampton und erwähnte beiläufig, daß der Titel damals schon auf einer LP und nicht auf einer 78-er zu hören war. "Was ist eine 78-er?" wollte sie wissen.........


© Axel Melhardt
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