Story des Monats

Mai - Juni 2017


Kapitel 37 einer (möglichst) langen Serie .....
Axel Melhardt
Axel Melhardt plaudert:

Im Ersten Teil ging es primär um den ebenso herrlichen wie liebenswerten Count Basie – in dieser Fortsetzung beschäftigen wir uns mit Duke Ellington & Benny Goodman, mit denen meine Erinnerungen nicht ganz so fröhlich sind....
 
Count Basie – Duke Ellington – Benny Goodman
Die drei Allergrößten
(Teil 2)
 
Duke Ellington Benny Goodman Slam Stewart Slam Stewart
Duke Ellington Benny Goodman Slam Stewart b Bucky Pizzarelli g
    (als Beispiel der Einsteiger)
 

Meine – einzige – Begegnung mit Duke Ellington war ziemlich ereignisarm und kurz: nach einem überlangen Stadthallen-Konzert wollte mich Eddie "Lockjaw" Davis dem Duke vorstellen, der mir vollkommen desinteressiert die Hand reichte und etwas Undefinierbares vor sich hin murmelte....

"Das macht er immer so", tröstete mich Jaws (auf Englisch), "he lives on another star!!!".... - eine Beobachtung, die mir von vielen anderen Musikern bestätigt wurde: "Ein phantastischer Komponist und Bandleader – als Mensch aber arrogant und abweisend."

Benny Goodman erlebte ich etwas näher.... zumindest teilweise: leider!!!!

Meine erste Begegnung mit dem "King of Swing" findet man am Anfang unserer Geschichten-Serie – die war rundherum positiv und vielleicht gäbe es ohne die "Benny Goodman Story" diese Homepage nicht, denn ohne diesen Film wäre ich höchstwahrscheinlich in so jungen Jahren mit dem Jazz nicht in Berührung gekommen.... – die entsprechende Story (Mai/Juni 2002) trägt den unschuldigen Titel "Schuld ist die Lieselotte" und handelt von Mister G – man findet sie nach einigen Suchen ¹) auf dieser Homepage....

Die zweite Begegnung ereignete sich Mitte der Siebziger Jahre, war ebenso "unpersönlich" und hatte "in the long run" (also: im Laufe der Jahre) weitreichende und positive Folgen.

Mister BG und seine Truppe kamen jedenfalls einen Tag vor dem Konzert in der Stadthalle in Wien an, und als ich die mir teilweise schon aus Nizza her bekannten Musiker in ihrem Hotel begrüßte, kam einer der Road-Manager mäßig aufgeregt in die Lobby und teilte den Musikern ziemlich lakonisch mit, daß es ein Mißverständnis bei den Buchungen gegeben habe – man müsse für den kommenden Tag eine Bleibe nach dem Konzert finden und er (ein Brite) habe keine Ahnung, was er machen solle...

In der allgemeinen Ratlosigkeit ging ich ans Telefon und rief im Hotel Imperial an – wo Mister Goodman zu residieren pflegte – und ließ mich frech mit ihm verbinden und sagte: "Mister Goodman, I am very sorry to disturb you, but your musicians have no hotel-rooms for tomorrow...."

"Let them sleep under the bridge!".... war die desillusioniernde Antwort und Mister Goodman legte den Hörer auf.

Diesem Ratschlag folgte ich nicht, sondern ich hängte mich ans Telephon, da die Herr- und Damenschaften des Hotels überlastet schienen, und organisierte für den Goodman-Tross Übernachtungen für den kommenden Tag....

....was bei den Jazzern natürlich eine hervorragende Stimmung auslöste – kein Wunder also, daß ich sie verhältnismäßig leicht dazu überreden konnte, den Abend im JAZZLAND zu verbringen – wer bei dieser Session am 10. September 1974 dabei war, wird sie nie vergessen. Hank Jones quälte sich an unserem damaligen inferioren Pianino ab und meinte höflich: "It is NOT the worst Instrument in my life – but nearly....", und ich stand verkrampft und glücklich anderthalb Stunden lang neben Slam Stewart und hielt ein Mikro an seine summenden Lippen, da wir damals kein geeignetes Stativ hatten – mir tat alles weh und es war herrlich.

Am nächsten Tag besuchten Tilly und ich natürlich das Stadthallen-Konzert und die Band lud uns in ihren Dressing-Room ein, der die Größe eines (zugegebenermaßen kleinen) Fußballs-Feldes hatte. Neben der Band befanden sich noch eine Reihe sehr netter Damen im Raum – die Frauen von ts-Mann Al Klink und g-Zauberer Bucky Pizzarelli, eine Dame aus dem Team von Mister BG und einige andere – als plötzlich die Türe aufging und der leibhaftige "King of Swing" plötzlich eintrat.

Freundlich plaudernd durchquerte er den Raum und begab sich zum Handwaschbecken, packte dort sein gutes Stück aus und pinkelte (noch immer plaudernd) in die Waschmuschel....

Ich weiß nicht mehr, welches Bandmitglied dann die aufklärenden Worte fand: "Er hat so einen riesigen Raum auch für sich alleine – aber er mag nicht in sein eigenes Waschbecken pinkeln – und die Toiletten sind ein paar Schritte weiter entfernt – so beehrt er eben uns....!!!"

Das Konzert war grandios, die Band war immens und Benny Goodman himself spielte hinreißend wie in seinen allerbesten Jahren....

Wenn man in der Jazz-Literatur blättert, wird man immer wieder auf den Meister aller Klarinettisten stoßen und nur die wenigsten Bemerkungen sind einigermaßen freundlich und so mancher Weltklasse-Musiker reagierte auf BG-Reminiszenzen ungestüm und für die Umwelt unverständlich - der grandiose Trompeter Warren Vaché etwa stürmte wutentbrannt aus dem JAZZLAND, als Drummer Horst Bichler ohne jede böse Absicht beim altehrwürdigen "Royal Garden Blues" in die "Sing Sing Sing"-Routine überging. "I hate Benny Goodman", schäumte Warren beim Abgang und konnte erst am nächsten Tag wieder halbwegs beruhigt werden.

Und als ich mit dem größten aller Weltklasse-Bassisten – Ray Brown – über den Ring fuhr und beim Schwarzenbergplatz des Hotel Imperials ansichtig wurde, bemerkte "....This is Hotel Imperial – the most famous house of Vienna – Adolf Hitler stayed here... and Benny Goodman!!!" ....antwortete Ray schmunzelnd: "Well.... Benny played a better clarinet....!!!!"

¹) Um sich die Suche zu ersparen: hier der link zur erwähnten Story des Monats Mai-Juni 2002 - "Schuld ist die Lieselotte"


© Axel Melhardt
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